Kulturstolz


Tarija


Karneval in Bolivien... Ein nasses Unterfangen. Zumindest, wenn man in Oruro und Tarija unterwegs ist. Wir wollten uns weder die weltberühmte Parade Oruros, noch den entspannten Flair Tarijas entgehen lassen. Deswegen hieß es für einen Tag in die Andenstadt  raufzockeln, nur, um am selbigen wieder die kurvige Straße mit Aussicht auf Boliviens größte Weinregion hinunterzufahren. Mal wieder ein Beweis für die Nichtigkeit von Distanz. Die Stimmung in Oruro war einmalig ;  Ausgelassen. Kinder, welche die Touristen mit ihren Schaumkanonen wirklich in richtige "Gringos" verwandelten. Es war nicht nur ein Festessen für den Magen. Auch die Augen konnten sich an den ganzen Essensständen, bunten Kostümen, tanzenden und lachenden Menschen satt sehen. Mit reichlich Streetfood gestärkt, begann die Suche nach einem geeigneten Tribünenplatz. Es ging hoch hinaus... Über eine wacklige Holzleiter hangelten wir uns durch eine kleine Luke in der Tribünenplane auf unsere Plätze. Fast vier Stunden ließen wir uns treiben. Tinkutänzer drehten nicht nur sich selbst, sondern auch die Zeit zurück und ließen mich an die Anfangszeit denken.  Es war ein wahres Spektakel und die Zeit ging schnell herum. Trotzdem nahmen wir  uns kurz vor der Abfahrt noch Zeit für ein Schaumbad. Was ein Luxus. 

Das Busterminal war genau so voll wie die Stadt und wir ergatterten grade noch so Tickets für den Nachtbus nach Tarija. Nach so einem ereignisreichen Tag war es kein Problem Schlaf zu finden und zack, waren wir in Tarija. Die Woche verlief recht ruhig. Wir schauten uns die Stadt an, unternahmen eine Weintour und lieferten uns zahlreiche öffentliche Wasserschlachten, bei denen wir als Touristen natürlich besonders beliebte Ziele darstellten. Eins musste ich feststellen: Wasserbomben tuen weh. Ob  nun ein Kind aus dem Auto, oder eine Omi von ihrem Balkon sie wirft. 

Nachdem auch in Tarija der Alltag wieder eingekehrt war, machten ich und mein Freund (hehe ja, er hatte den weiten Weg aus Deutschland auf sich genommen) uns mit einem komplett überteuerten Bus auf den Weg nach Argentinen. Genauer gesagt nach Salta. Dort taten wir nicht viel mehr als uns den lieben langen Tag mit Empanadas vollzustopfen. Natürlich waren auch einige Ausflüge in die Natur und in die Innenstadt dabei, aber eigentlich stellten sie nur ein Alibi für unsere Suche nach der leckersten Empanada dar. Als wir uns nach vier Tagen bereit machten weiterzuziehen, wurde uns durch mein eigenes Planungstalent ein Strich durch die Rechnung gemacht. Am Flughafen angekommen nämlich, wies uns die Dame am Schalter verwirrt darauf hin, dass unsere Tickets für den morgigen Tag gebucht waren. Klasse Clara. Nun gut, eine Nacht in Salta mehr oder weniger... Ein paar Empanadas mehr oder weniger...

Am nächsten Tag konnten wir dann fliegen und schon lagen sie vor uns ; die Wasserfälle von Iguazú. Wirklich unglaublich wie so viel Wasser und so viele Touristen auf ein Fleckchen Erde passen. Obwohl man sich bei jedem Wasserfall, um überhaupt etwas zu sehen, durch einen Dschungel von Selfiesticks und posenden Menschen nach vorne kämpfen musste, war es ein atemberaubender Anblick. So viele Tonnen Wasser, die in einer Sekunde an einem vorbeirauschen. Wassermassen von allen Seiten, denn leider regnete es auch noch in Strömen. Schon von Weitem konnte man die Gischt hoch in den Himmel steigen sehen. Wenn man nah an die Brüstung trat, sah man dann Schwalbenschwärme, die kunstvolle Formationen flogen und wie aus dem Nichts vom Nebel verschluckt wurden. Einfach mystisch.

Anstatt am nächsten Tag die brasilianische Seite dieses Weltwunders anzuschauen, entschieden wir uns nämlich dem Trubel zu entfliehen. Es ging zum Baden in einem nahe gelegenen Wasserfall. Leider spielte das Wetter abermals verrückt, sodass am Ende nicht nur wir, sondern auch all unsere Sachen komplett durchnässt waren. Allein im Inneren meiner Schuhe bildete sich ein Duplikat der Wasserfälle vom vorigen Tag. Aber was soll man bei Volleyball spielen im strömenden Regen auch erwarten...

Die letzten Tage unserer Reise verbrachten wir in der Metropole Buenos Aires. Solch eine schöne Stadt! Was mich am meisten überraschte war, wie mich der Konsum überrollte. So viele schöne kleine Läden, deren Schaufenster dazu einluden hineinzuschlendern ; Handwerksmärkte ; Antiquitätengeschäfte ; Boutiquen. Ich hatte einfach vergessen, wie sehr man sich an solchen Dingen freuen kann. Einfach nur durch schönes Ambiente bummeln. Ästhetik. Das ist eine wahre Seltenheit in meinem Alltag in Bolivien. Dafür gibt es aber reichlich andere Dinge, die ihren ganz eigenen, etwas abgeranzten, aber doch gemütlichen,  Charme haben. Der Markt oder die unzähligen Secondhandläden zum Beispiel. Oder die kleinen "Tiendas", die von Süßigkeiten über Coca bis hin zu Waschmittel alles verkaufen ; das warme Licht der Essensstände, an denen rund um die Uhr frittiertes Hühnchen angeboten wird und das kalte Licht der dazugehörigen Essenssäle. Ich liebe das alles. Form follows function. Wie schafft es eine Kultur, in der diese Formel so essentiell ist, den Wohlfühlfaktor nicht zu vergessen? 

Zwar war der Urlaub mal wieder ein schöner Ausflug in diese andere Welt, aber ich bin noch nicht bereit mein Essen wieder in Supermärkten kaufen zu müssen und jeden Tag dieser krassen Konsum- und Ästhetikwelle ausgesetzt zu ein. Durch den Entzug lernt man es lieben und hassen zugleich. Egal was passiert, ich werde für immer eine Art Stolz für die Chaotik, Unästhetik und Gelassenheit meines Lebens hier in Bolivien im Herzen behalten. Kulturstolz eben.


Bis bald!
Clara

Kommentare

Beliebte Posts