96 ; nein Hundert Prozent Potosí
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| Gewächshaus Maragua Krater |
Reisefieber. Diesmal aber richtig. Anstatt letzten Donnerstag und Freitag zu arbeiten, entschied ich mich recht kurzfristig mir freizunehmen um nach Sucre aufzubrechen. Am Abend los, am nächsten Morgen da. Mit einigen Zwischenstopps wohl gemerkt. Einmal wollte der Motor nicht mehr und wir standen eine gediegene Stunde. Das andere Mal wollte er zu viel, sodass wir gegen einen Felsen fuhren. Immer wieder ein Abenteuer solche Busfahrten. Und immer wieder überraschend wie erholsam der Schlaf doch tatsächlich ist.
Am nächsten Tag hieß es dann die Stadt genießen denn irgendwie fühlt man sich, obwohl man nur einen Monat dort verbracht hat, trotzdem ein kleines bisschen Zuhause. Abends ging ich, mit dem Wissen am morgen wieder früh aus den Federn hüpfen zu müssen, zeitig ins Bett. Es hieß nämlich: Auf nach Potosí.
Grade weil viele Einheimische Potosí keinen guten Ruf nachsagen, wollte ich mich selbst überzeugen und saß dann wie geplant um 6 Uhr im Bus. Je höher sich die kurvige Straße schlängelte, desto atemberaubender wurde die Aussicht. Und das nicht nur wegen der Höhenluft. Die Morgensonne tauchte alles in ein warmes Licht und verstärkte den Kontrast des von Wolken gespränkelten Himmels und der kargen Felslandschaft. Schade nur, dass ich in einem Bus voller Einheimischer saß, die dem Anblick zum hundertsten Mal leider nichts mehr abgewinnen konnten und nach und nach alle Vorgänge zuzogen.
Potosí empfängt einen mit einem uniformen Eindruck. Backsteinhäuser wohin das Auge reicht. Kommt man dann weiter ins Zentrum, weicht ihnen dann aber eine Vielfalt an Architektur. Klein, groß, hoch, niedrig, alt, modern, abgeranzt oder frisch gestrichen. Rücken an Rücken. Verwinkelte Gassen durch die sich unzählige Micros schlängeln dicht an dicht mit prächtigen Kathedralen und Plazas. Ohne mein Wissen hatte sich Potosí aber am heutigen Tage auch besonders herausgeputzt. Da morgen das Jubiläum der Stadt ist, bestanden vor allem die Straßen rund um den Plaza Principal aus einem bunten Meer aus Menschen und Tiendas. Eine schöne Überraschung, die ich gerne noch länger genossen hätte. Stattdessen gab ich mir das Ein-Tages-Touriprogramm. Hat auch seinen Charme. Als erstes eine Führung durch das Casa de Monedas und nach einem Bad im Menschenmeer eine Tour zu den berühmten Minen des Cerró Rico. Im Casa de Monedas hätte ich mir am liebsten noch mehr Zeit genommen, allerdings schleuste einen der Guide recht schnell durch, sodass für entspanntes Schlendern keine Zeit blieb. Im Endeffekt sollte man sich für Potosí allgemein mehr Zeit nehmen als ich es tat. So muss ich wohl nochmal wiederkommen. Die Atmosphäre der Stadt fand ich aber eh klasse, also wird das wohl kein Problem.
Auch die Minen waren ein Erlebnis für sich. Mit Helm, Kopflampe, Mundschutz, Gummistiefeln, Überziehkleidung begaben wir uns also in die Tiefen des Cerró Ricos. Natürlich durften auch die Gastgeschenke für die Minen Arbeiter nicht fehlen. So klischeehaft es klingen mag, handelte es sich dabei um nichts anderes als Kokablätter, Softgetränke, Zigaretten, Dynamit und Alkohol. Dynamit wird in Potosí verkauft wie Kaugummi. In allen anderen Städten Boliviens würde man mächtig Probleme bekommen, wenn man mit einer Stange Dynamit durch die Straßen spaziert. Dort ist das keine Seltenheit. Genauso wie der 96% Zuckerrohr Schnaps, den die Minen Arbeiter zusammen mit Kokablättern und Zigaretten konsumieren, um die stundenlange Arbeit Untertage zu überstehen. Es ist kalt, die Luft ist klamm, staubig und von Gerüchen nach Explosivem und Mineralstoffen durchtränkt. Auch mit der Sicherheit wird es nicht so eng gesehen. Kein Wunder, dass auf zwölf Arbeiter vier verunglücken und die restlichen sechs an den Folgen der schlechten Arbeitsbedingungen sterben.
Unser Guide arbeitete schon von klein auf in der Mine und kannte sie deswegen wie seine eigene Westentasche. Das gab einem dann doch irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Man betritt, wenn man so will, eine eigene kleine Welt, in der die Hoffnung auf Glück, der Glauben an die Götter und eine gehörige Portion Durchhaltevermögen regieren. Die ausschließlich männlichen Arbeiter geben sich gegenseitig Spitznamen, bei denen sich bemerkbar macht wie derbe der Humor dort unten ist. Ein dickes Fell brauchen die Männer also nicht nur auf Grund der Arbeit, sondern auch des sozialen Gefüges wegen.
Rey León führte uns also durch das Labyrinth von Gängen, zeigte uns Unterschlüpfe, wenn mit Dynamit hantiert wurde, redete mit den Arbeitern und erzählte uns mit viel Humor über die Mine. Traditionen, Gefahren und unverblümte Wahrheiten. Auch ein Schluck vom Zuckerrohr Schnaps wurde uns angeboten. Besser gesagt zwei, denn Pacha Mama, die Göttin der Erde, duldet nur grade Zahlen. Aus einem wurden also zwei Schlücke. Brennt einem alles weg sag ich euch. Nach einigen Minuten fing ich regelrecht an zu glühen.
Reisefieber eben.
Bis bald!
Clara
Clara






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