Turbu- statt Faulenzen
Nach unserem eher unschönen Einstiegserlebnis pendelte sich die letzten Wochen langsam aber sicher unser Alltag wieder ein. Wir alle arbeiten von Montag bis Freitag, aber unsere Tagesabläufe unterscheiden sich ziemlich. Normalerweise beginnen wir den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück und machen uns dann nacheinander auf unseren Arbeitsweg. Meine Mitbewohnerinnen arbeiten ja beide in verschiedenen Schulen und werden deswegen immer von Taxi oder Bus zu ihrer Arbeitsstelle gebracht. Ich habe das Glück, dass das Hospital in zwanzig Minuten per Fuß zu erreichen ist. Diese zwanzig Minuten nutze ich dann immer richtig wach zu werden, denn viel Schlaf bekommen wir grade nicht.
Nach einem acht- bis neunstündigen Arbeitstag mit Mittagspause im Krankenhaus komme ich um sieben nach Hause, esse etwas und schon geht es wieder los zum Tanztraining. Anfang Oktober findet im Camiri nämlich die jährliche Entrada, also ein Tanzumzug, statt. Alle Bewohner feiern mit und der Umzug zieht sich von mittags bis spät abends einmal durch die ganze Stadt. Da unter den verschiedenen Tanzgruppen, die jeweils einen anderen typisch bolivianischen Tanz präsentieren, eine große Konkurrenz herrscht, ist das Training anspruchsvoll. Zwei Stunden jeden Tag wippen, hüpfen und drehen wir uns unter der Anleitung von alteingesessenen Tinku-Trainern. Mit Trillerpfeife im Mund und immer darauf achtend, dass man alle Schritte richtig macht und sich konform mit seiner Reihe bewegt bringen sie einen ganz schön zum Schwitzen. Vor allem weil sich der Hitzeteppich auch abends nicht von der Stadt löst.
Die Tatsache, dass wir direkt neben dem Fluss trainieren, macht uns zu perfekten Opfern für die Mücken. Glücklicherweise bin ich bis jetzt verschont geblieben. Anders als eine meiner Mitbewohnerinnen. Sie liegt nun seit zwei Tagen mit Verdacht auf Dengue Fieber im Krankenhaus. Da ich sozusagen an der Quelle sitze, mussten wir uns nicht mit langen Wartezeiten quälen und sie bekam sofort ein Bett und angemessene Behandlung. Wenn wir Glück haben und ihre Temperatur weiterhin niedrig bleibt besteht die Möglichkeit, dass sie diesen Sonntag entlassen wird. Das Wochenende wollten wir eigentlich mal richtig entspannen, weil in der Woche dazu wirklich keine Zeit bleibt. Schade Schokolade. Zwei turbulente Wochen hinter einander. Man könnte fast sagen, das volle Programm Bolivien im Schnelldurchlauf.
Um nochmal zur Arbeit im Krankenhaus zurückzukommen; sie ist auf jeden Fall abwechslungsreich. In der Hinsicht, dass es Tage gibt, an denen man hauptsächlich herumsitzt und dann aber auch solche, an denen einem vom vielen Herumrennen die Beine wehtun. Letzteres gefällt mir deutlich besser. Zurzeit bin ich auf der Chirurgischen Station und durfte deswegen auch schon bei einigen mehr oder weniger kleinen Operationen dabei sein. Sowohl dort als auch an den letzten Vormittagen, die ich meistens in der Sprechstunde eines Traumatologen verbrachte, habe ich viel gelernt. Und kennengelernt. Krankenschwestern, Ärzte, Medikamente, Vokabeln zu Instrumenten und Materialien und und und... es gibt noch so viel mehr! Zum Sprachverständnis kann ich nur sagen: ein einziges Auf und Ab. An manchen Tagen laufen die Unterhaltungen recht flüssig und ich verstehe auch die Anweisungen auf Anhieb. An anderen Tagen verstehe ich nur Bahnhof. Und dann ist es da wieder. Das typische Clarita Clarita Clarita... Dazu ein breites Grinsen. Manchmal finde ich es auch lustig. Manchmal ist es mir peinlich. Und manchmal bin ich einfach nur frustriert. Im Allgemeinen sind die Leute aber sehr geduldig mit mir und versuchen mich so gut es geht einzubinden. Nichtsdestotrotz steigt der Anspruch von einem an sich selbst und man fragt sich, wann man endlich alles versteht. Und ja, jeder sagt das Gleiche. In ein paar Monaten läuft das wie am Schnürchen.
Jetzt grade scheint das aber noch unmöglich.
Clara
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