Kein Zuckerschlecken

bye bye Sucre

Dinge kommen ja eh nie so wie man sie sich vorstellt. Vor allem nicht in Bolivien. Anstatt Montag nach Camiri aufzubrechen, sollte es schon Samstag losgehen. Alle Pläne, welche man für das letzte  Wochenende in Sucre gefasst hatte, waren futsch. Stattdessen schnell den Koffer gepackt und Proviant gekauft bevor unser Mentor uns dann hupend am Hostel erwartete. In unseren Köpfen ging es auch direkt nach Camiri. Unser Mentor war da aber anderer Meinung. Erstmal sollten wir mit anderen Freiwilligen und ihm nach Monteagudo, von wo aus dann nach kurzem Zwischenstopp ein Bus nach Camiri starten sollte. So der Plan. Schade nur, dass leider nicht bedacht wurde, dass am 2. September der Tag des Fußgängers gefeiert wird und deswegen in ganz Bolivien, tagsüber, kein einziges Auto fährt. Aus dem kurzen Zwischenstopp wurde ein ganzer Tag, den wir mit Einkaufen, Schläfchen und der Besichtigung Monteagudos verbrachten. Erst ab 18 Uhr sah man die ersten Autos wieder die Straße heruntertuckern, denn tatsächlich wird eine Missachtung des Feiertages mit Geldbußen bestraft.
Anstatt eines Busses mußte ein Taxi herhalten. Zu neunt in einem Auto auf Schotterpiste zu fahren ist irgendwie auch nur halb so angenehm wie im Bus.
Obwohl die Busfahrt von Sucre nach Monteagudo auch kein Zuckerschlecken war - schmale und kurvige Straßen, links Berge und  tiefe Abgründe rechts. Viele mysteriöse Stopps mitten in der Pampa und laute Geräusche, welche einen der Nacht über den Schlaf raubten. Sowohl Schlafsack als auch Mütze und Schal wurden wieder gebraucht.
Auf der vierstündigen Autofahrt nach Camiri war mein Schlafsack aber leider hinten im Kofferraum verstaut. Das allzeit geöffnete Fenster und der hereinwehende Rauch des Fahrers gaben mir dann den Rest...
Als wir ankamen, hatte ich mir den Gedanken von einer lauen Sommernacht in Camiri schon aus dem Kopf geschlagen. Es ist eben grade Winter hier.  Dass es so kalt werden würde, hatte ich mir trotzdem nicht vorstellen können. Fairerweise muss man sagen, dass es tagsüber auch nicht der Fall ist. Da knallt die Sonne vom Himmel und keine einzige Wolke ist in Sicht, um wenigstens für wenige Sekunden Schutz zu bieten. Ich freu mich schon auf den Sommer... vierzig Grad scheinen hier Standard zu sein.
Nach der späten Ankunft fielen wir eigentlich nur noch ins Bett mit dem Wissen, dass wir am nächsten Tag schon an unseren Arbeitsstellen vorgestellt werden würden. Zwischen Schul- und Krankenhausbesichtigungen erkundeten wir den Markt und ich legte mir Arbeitskleidung zu.
Über die Zeit in Sucre hatte sich mein Spanisch noch um so einiges verbessert. Man könnte fast sagen, ich fühlte mich, zumindest im Verständnis, sicher. Als ich hier in meinem Projektort dann in alltäglichen Situationen das undeutliche Genuschel auch nach drei Mal nachfragen nicht verstand, wurde mir klar, dass meine Befürchtungen bestätigt waren und ich genauso hilflos wie alle anderen Freiwillgen in ihren  ersten Wochen enden würde. Mein erster Arbeitstag war schnell gekommen und auch dort musste ich bei vielen Konversationen passen und den Nicken- und-Ja-sagen Trick anwenden. Am Dienstag sollte ich um acht dort sein. Leider steckte eine meiner Mitbewohnerinnen den Schlüssel zu unserem Zimmer ein, wodurch es mir unmöglich wurde an meine Arbeitskleidung zu gelangen. Zu spät am ersten Arbeitstag. Was wünscht man sich mehr?  Ein Glück nur, dass die Bolivianer das mit der Zeit hier nicht so genau nehmen.
Prinzipiell bestand mein Arbeitstag aus Herumsitzen im Schwesternzimmer, Vitalzeichen nehmen, beim Versorgen von Patienten zusehen und Wattebäusche rollen. Diese werden, getränkt in Desinfektionsmittel, dazu verwendet Wunden oder Instrumente zu reinigen. Wie gedacht, ist es hier unglaublich wichtig Eigeninitiative zu zeigen. Aufforderungen zum Helfen kommen hier wenig. Entweder man hilft oder man lässt es. Dann sitzt man eben noch länger im Schwesternzimmer herum. An meinem zweiten Arbeitstag habe ich mich dann entschieden mal mit dem Lentes Al Instante Projekt hier Vorort zu beginnen. Ab nächster Woche möchte ich hier im Krankenhaus anfangen Refraktionen vorzunehmen. Es wird allerdings etwas anders laufen als gewohnt, da ich ja ganz alleine an meiner Station bin. Mehr als 5 Leute werde ich in den zwei Stunden wohl nicht schaffen. Registrierung, Refraktion und dann auch noch Anpassung. Aber besser wenig als gar nichts... Das ist eh mein neues Motto bei meiner Arbeit im Krankenhaus. Denn seien wir mal ehrlich was kann eine der Sprache nicht mächtige, medizinisch unerfahrene "Clarita" an ihren ersten Tagen hier schon beitragen?

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